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Der damals Fünfzigjährige verstand sich vornehmlich als Landschaftsmaler, der mehr und mehr aber auch Menschen einer Landschaft in ihrem Tagewerk zu zeichnen und zu malen bestrebt war. Zwanzig Jahre nach seiner ersten Ausbildung in den verschiedenen Fachbereichen des Zeichnens und Malens in Offenbach, Dresden, München und Frankfurt a. M. hatte er sich während zweier Arbeitsaufenthalte bei dem Maler Architekten Professor Paul Schulze-Naumburg im zeichnerischen und malerischen Erfassen von Dorfarchitektur und in der Menschendarstellung noch wesentlich fördern können. Lebhaft wird er Bestätigung empfunden haben in seiner Begabung für den Bereich Landschaft und Menschen, denn er widmete sein künstlerisches Schaffen - soweit wir es bis zum Anfang des Jahrhunderts zurückverfolgen können - fortan ganz dieser Thematik, für die er in seinem heimatlichen Umkreis, in der Wirklichkeit der Natur und der im Umgang mit ihr arbeitenden Menschen unerschöpflich Anregung fand.
Es wird berichtet, daß er in seinen Freizeiten während der Berufstätigkeit von Offenbach aus meist hinausgefahren sei ins Land mit Skizzenbuch und Malerkasten auf dem Fahrrad im Dienste seiner Kunst, die in den Dörfern und Gehöften durchaus nicht als Arbeit angesehen wurde. Die Wege zu Rad waren damals nicht allzu lang, denn "das Land" breitete sich im ausgehenden 19. Jahrhundert dicht um das alte Offenbach herum ganz natürlich aus. Als aber die Industriewerke im Auf- und Ausbau mehr und mehr von dieser Ländlichkeit verschlangen, suchte Lippmann das Weite weiter draußen.

Es gibt Landschaften von ihm aus Oberhessen, der Wetterau und aus dem Saaletal. Stärker aber haben ihn die Landschaftsmotive um Lützelbach und Lichtenberg angezogen, und hier nun wurzelte er in dem Gelände, in dem es noch heute den Lippmann-Weg gibt, der den Wanderer zum Wald hinauf an den Ehrenbürger des Ortes (1928) erinnert.
Hier, in seiner zweiten, selbst erworbenen Heimat erst schuf Johannes Lippmann in den ihm noch zugemessenen dreißig Jahren die Vielfalt des reifen Werkes, das ihm öffentliche Ehrung einbrachte und seinen Namen mit dem Titel "Maler des Odenwaldes und seiner Menschen" verbunden hat. "Dem Maler Johannes Lippmann, dem treuen und meisterlichen Schilderer Odenwälder Menschen und Landschaften verleiht das hessische Volk den Georg-Büchner-Preis 1930" lautet der Text der Urkunde, die der Künstler empfing, - neben ihm war es Nikolaus Schwarzkopf aus Urberach, der in Würdigung seiner Schilderungen heimatlicher Natur und Menschen in vielfältig literarischem Werk ebenfalls mit dem zum achten Male verliehenen Hessischen Staatspreis geehrt wurde. Beide blieben lebenslang mit ihrem Schaffen mitten "im Volk", wie man es damals noch unverdächtig ausdrücken konnte. Sie ließen sich von den modernen Strömungen in Dichtung und bildender Kunst nicht mitreißen. Zur großen Ausstellung, die der Kunstverein Darmstadt in der Kunsthalle als Würdigung zum 70. Geburtstag für Lippmann 1928 veranstaltete, schrieb treffend Robert Schneider auf seiner "Bienche Bimbernell"-Seite im "Darmstädter Tagblatt", Lippmanns Kunst sei "ohne all die verzwickte Broblematick" der zeitgenössischen Kunst und deshalb stünden seine Bilder "jenseits vun Werde un Vergeh' aller sogenannten Ismen"; schon 1914 hatte Professor Hülsen, der an der TH Darmstadt Kunstgeschichte lehrte, geurteilt: "Lippmann ist ein Künstler, der die subtilste Naturstimmung auf die Leinwand bringen kann. Immer tritt er selbst bescheiden hinter dem Stück Natur und Leben zurück, das er mit wahrer Andacht vor den Beschauer stellt".

Unsere "Kunst der Gegenwart" betrachtenden Augen sind es gewöhnt, des Künstlers individuelle Auseinandersetzung mit der Problematik seiner Zeit in seinen Werken anzutreffen, sein Innenleben vorzufinden, umgesetzt in verfremdete Wirklichkeit und phantastische Komposition. Bilder anzusehen eines schlichten, auch von andächtiger Wahrnehmung zeugenden Realismus, wie sie uns in dieser Johannes Lippmann-Gedächtnisausstellung umgeben, will fast erst wieder gelernt werden.
In der Besinnung auf reines Anschauen, keiner sonderlichen Interpretation bedürftig, gilt es, sich diesen Bildern zuzuwenden. Sie kommen dem Auge offen entgegen, sie sind optische Berichte, in Farben erstattet mit Pinsel, Kreiden und Stiften, Berichte aus Landschaften des Odenwaldes und aus arbeitsamen Menschenleben, umschlossen von seiner Natur, von ihr geprägt und mitbestimmt in seiner Tätigkeit und seinem Befinden, satt zu werden oder hungern zu müssen auf diesem kargen Boden. Rauh ist diese Natur und herb, besonders im Herbst und Winter, auch im lange zögernden Frühling. Doch hat sie ihre Lieblichkeiten, und der Maler gibt sie uns zu verstehen mit einem Blick ins Fischbachtal, einem Lichtenberger Dorfwinkel, einer Bachpartie in Rodau und auf manchem Bilde mit sanft gelagerten, waldbekronten Höhenzügen und schwingenden Waldsäumen über den Talwiesen im Jahreszeitenwechsel. Das Licht stürzt aus weitgespanntem Himmel über Felder und Weiden, Gärten und Baumgruppen herab, daß ihr differenziertes Grün in Sinfonien aufglänzt. Es dringt in die Wälder, daß das Rostrot des mit vorjährigem Laub bedeckten Bodens zwischen den Schatten der Buchenstämme ein warmes Leuchten gibt in die kühle Dämmerung um Waldbach und Felsgestein. Aus vielen Beobachtungen, vielen Studien heraus vermochte Lippmann auch die dramatische Begegnung von Licht und Wolkengeschiebe an einem Sommertag über Schloß Lichtenberg zu inszenieren, diesen oft gemalten Renaissancebau auf den Wettern ausgesetzter Felshöhe, an deren Hang sich die Häuschen schmiegen, eingebettet in Gärten, Feldstücke und schattende Bäume. Spürt man in Lichtflut und Farben dieses Bildes die Wärme eines Sommertages, so scheint sich die Kälte mitzuteilen aus dem gemalten Winterlicht? und Schneebild, das sich dem Blick vom Schloß zur Neunkirchner Höhe bietet; warmes, lebendiges Leben darin ist die Herde, die Schafe in ihrem dicken Wollfell - sorgsam im Pinselstrich strukturiert - und der Schäfer, dunkel und groß aufragend, gesammelt in seiner Wachsamkeit, uralte Hütergestalt, erfahren, verläßlich.
Lippmann hat nie ein Bild im Atelier gestellt. Er beobachtete und skizzierte vor der Natur, ging zeichnend mit dem pflügenden Bauern, dem eggenden Jungknecht übers Feld, sah Schneider und Schmied in der Werkstatt zu, wie der Bäuerin auf dem Hof und den Grassichlerinnen unter den Apfelbäumen. Er studierte den Schwung der Peitsche aus dem Handgelenk, den Schwung der Sense aus der Schulterpartie und die Konzentration im Angesicht dessen, der seine Arbeit tat auf dem Acker, beim Umgraben im Grasgarten, beim Anspannen und Führen von Ochse und Pferd. Weil es anatomisch und sachlich in Kleidung und Gerät stimmt, geht aus dem im Bilde festgehaltenen Moment der Bewegung die ganze Bewegung hervor, und die senkrecht oder diagonal den Bildaufbau querende Menschengestalt ist atmender Körper in Kraftanspannung oder Gelöstheit. Verschiedene Studienblätter zeigen, wie intensiv Lippmann gearbeitet hat, um die letzte Feinheit des Ausdrucks im Schaffen, Ruhen, Sinnieren oder geselliger Teilnahme sich verfügbar zu machen, daß die so gesehenen Menschen sich in den großen Gemälden und Farbzeichnungen dem Betrachter lebensvoll vergegenwärtigten: Bauernbub und Mutter und Kind, die Männer in ihrem Tagewerk, am Feierabend beim Kartenspiel in der Wirtschaft oder dem Vorleser zuhörend und die Holzfäller bei der Mittagsrast, die Suppe löffelnd ? das alles sind zugleich großartige Figurenkompositionen und feine Ausdrucksstudien wie auch die Pfeifenraucher, allein oder zu zweit im Gespräch.
Die Bilder solcher Wirklichkeit sind heute zugleich kulturgeschichtliche Dokumente, sie berichten aus vorindustrieller Zeit der Landwirtschaft, als sie noch Ackerbau und Viehzucht kleiner Gehöfte war, in Traditionen von Arbeit, Feierabend, Sonn? und Festtagen des Jahreslaufs verankert.
Der Maler Johannes Lippmann aus Offenbach hat in "Wahlverwandtschaft" das Leben dieser Odenwälder mitgelebt. Hatte ihm auch Hessens letzter Großherzog im Jahre 1915 in Anerkennung seiner Kunst den Professorentitel verliehen, er blieb der "gemaanigliche Mann", der den Gesangverein mitgründete und mitberiet im Vorstand des Odenwaldklubs, dem er das Bild zum Titel der Zeitschrift zeichnete "Unter der Dorflinde".
Auf dem Selbstbildnis des Künstlers sehen wir ernste, aufmerksame Augen aus kräftig gebildetem Gesicht blicken. Daneben ist bei vergleichender Betrachtung zu erkennen, daß im Bildnis der Tochter, das Johannes Lippmann schuf, ein Abglanz des jungen Johannes liegt, der in die schon damals großen Städte zum Lernen auszog, doch in der Odenwälder Landschaft und Dorfgemeinschaft die ihm zugehörige Heimat fand, Nährboden und Themenkreis seiner Kunst.
(Quelle: Margarete Dierks, Gedenkschrift zum 50. Todestag des Malers im Verlag des Museums Schloss Lichtenberg, 1985)
Biographie Johannes Lippmann
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1858
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14. Januar in Offenbach geboren
Lehrjahre an der Offenbacher Kunstgewerbeschule als Lithograph; im Atelier von Ferdinand Klimsch und am Städel'schen Kunstinstitut in Frankfurt; Studien in Zeichnen und Entwerfen Studienjahre in Dresden und München (bei Professor Schulze-Naumburg)
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1880
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bis 1908 Künstlerischer Leiter der lithographischen Kunstanstalt Friedrich Schoembs, Offenbach
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1882
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Heirat mit Frieda Schoembs; zwei Söhne. Der ältere, Karl-Friedrich Lippmann (geb. 1883), wurde als Landschafts-, Figuren- und Blumenmaler bekannt
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1908
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Übersiedlung in sein Lichtenberger Haus. Lebt als freischaffender Künstler
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1912
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Ausführliche Würdigung von Daniel Greiner in "Die Kunst unserer Heimat" (6. Jahrgang, Nr. 2)
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1915
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25. November, Ernennung zum Professor durch Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein
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1928
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14. Januar, Ehrenbürger der Gemeinde Lichtenberg
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1928
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Zum 70. Geburtstag veranstaltete der Kunstverein in Darmstadt eine umfassende Kollektivausstellung in der Kunsthalle am Rheintor
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1929
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24. Dezember, Ehrenmitglied des Gesamt-Odenwaldklubs
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1930
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11. August, "Dem Maler Johannes Lippmann, dem treuen und meisterlichen SchiIderer Odenwälder Menschen und Landschaften, verleiht das hessische Volk den Georg-Büchner-Preis 1930" (Text der Urkunde)
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1933
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Zum 75. Geburtstag große Ausstellung in der Darmstädter Kunsthalle
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1935
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8. Februar in Darmstadt gestorben. Auf dem Alten Friedhof in Offenbach begraben
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1935
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Gedächtnisausstellungen in Darmstadt (April) und Offenbach
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1958
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Gedächtnisausstellungen in der Offenbacher "Loge Carl und Charlotte zur Treue" und im Museum Schloß Lichtenberg.
Margarete Dierks "Ein Maler des Odenwaldes. Gedenken an Prof. Johannes Lippmann zum 100. Geburtstag" in "Der Odenwald" (4. Jahrgang 1957, S. 119 ff)
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1973
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Johannes Lippmann. Werke eines Odenwaldmalers. Ausstellung im Museum Schloß Lichtenberg
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1985
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Gedächtnisausstellung zum 50. Todestag im Museum Schloß Lichtenberg mit zahlreichen Leihgaben
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2004
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Der Maler und Zeichner Johannes Lippmann - Neuerwerbungen, Museum Schloss Lichtenberg |
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2005
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Freilichtmuseum Hessenpark Neu-Aspach |
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2008
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Johannes Lippmann 1858-1935 - Ausstellung im Museum Schloss Lichtenberg zum 150. Geburtstag (mit Katalog und Werkverzeichnis) |
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seit 1951
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Sammlung von Werken des Malers in einer Dauerausstellung im Kaisersaal des Schlosses Lichtenberg
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